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Carl von Ossietzky Universität Oldenburg

Fakultät IV - Institut für Geschichte

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Grassroot Knowledges: Netzwerke, Correspondenten und die Popularisierung von Wissen in Korrespondenzen, Journalen und Intelligenzblättern des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Seit etwa 1750 eroberten naturkundlich-ökonomische und kameralistische Zeitschriften den europäischen Zeitungsmarkt, indem sie die praktische Nutzung wissenschaftlicher Erkenntnisse für alltägliche Lebensbereiche aufzeigten. Die Themenpalette reichte von Berichten über das Geheimnis der englischen Wirtschaftskraft und die besondere Aufmachung englischer Musterkarten, über die Herstellung von Papier aus Lumpen, die Gewinnung von Gummi auf den malaysischen Inseln, neueste Modeartikel mit Abbildungen, genauesten Beschreibungen und Stoffproben, dem „ökonomischem Gebrauch“ von Stiefeln, Tipps zur Herstellung von Farben für Stoffe, bis hin zu Fragen, ob kleinen Kindern die Haare geschnitten werden sollten oder wie Frostbeulen entstehen. Die Leserschaft wurde nicht nur durch die Alltagsnähe der Themen angesprochen, sondern beteiligte sich durch die Formulierung und Beantwortung von Fragen direkt mit am Wissensaustausch. Viele dieser Zeitschriften enthielten darüber hinaus aktuelle Bekanntmachungen über die Gründung oder Schließung neuer Handelshäuser, Bankrotte, Werbung, Listen neuer Publikationen sowie kleinere politische oder historische Abhandlungen, literarische Artikel und Reisebeschreibungen. Daneben entwickelten sich die Intelligenzblätter, die wichtige lokale Bekanntmachungen und Wirtschaftsnachrichten mit politischen und literarischen Texten verbanden. Diese Zeitschriften unterschieden sich von den bekannten aufklärerischen Zeitungen wie dem Hamburger „Correspondenten“ durch ihren unmittelbaren Praxisbezug und die Alltagstauglichkeit der Wissensvermittlung. Um dies zu erreichen, waren die Verleger der naturkundlich-ökonomischen und kameralistischen Zeitschriften daran interessiert, möglichst authentische und praxisnahe Berichte zu erhalten. Den Kreis der Autoren, literarisch und politisch interessierte Köpfe ihrer Zeit, ergänzten die Herausgeber durch Reisende, Migranten und Soldaten, die als Augenzeugen „vor Ort“ waren und ihre Eindrücke und Beobachtungen berichteten. Die Schilderungen dieser frühen Correspondenten waren den Darstellungskonventionen ihrer Zeit verhaftet und orientierten sich zunächst an den Mustern von Reiseberichten und Briefen. Zugleich versuchten Verleger gezielt, in verschiedenen europäischen und zunehmend auch außereuropäischen Städten Correspondenten zu platzieren, um so aktuelle Augenzeugenberichte über Ereignisse und Berichte von nützlichen Dingen zu erhalten. Medien dieses bislang kaum beachteten Wissensaustauschs waren Briefe, die über regelmäßig auf den Weltmeeren verkehrenden Schiffen versandt wurden. Mit dieser zunehmenden Vernetzung der Welt ging die Verbreitung von Orientierungswissen und von Dingen zur Orientierung in Form von Sprachbüchern, Reiseberichten, Glossaren, medizinischen Ratgebern, Notizbüchern und Steckbrettern, Karten, Pflanzen, Zeichnungen u.v.m. einher. In Schiffskisten voller Dinge und Postsäcken mit Korrespondenzen offenbart sich in den Beständen der Prizepapers ein dichtes Netz an Wissensaustausch außerhalb institutionalisierter Akademien, Medien und Gesellschaften – grassroot knowdledges.

 

Das Forschungsprojekt "Grassroot Kowledges: Netzwerke, Correspondenten und die Popularisierung von Wissen in Korrespondenzen, Journalen und Intelligenzblättern des 18. und 19. Jahrhunderts" untersucht diese Verbreitung von Wissen über nützliche Dinge anhand der versandten Dinge selbst und in den Beschreibungen der Briefe in den Prizepapers und schließlich die Verarbeitung des grassroot knowledge in den neu entstehenden naturkundlich-ökonomischen und kameralistischen Zeitschriften. Dabei interessieren neben den Inhalten vor allem die Vorstellungen von „Wissenswertem“, von „Nützlichkeit“ sowie die Adaptionen von Alltagswissen und Alltagspraktiken.

 

Neben der diskursiven Aushandlung des Wissenswerten erforscht das Projekt, wie sich über die Nachfrage an Augenzeugenberichten über Ereignisse, Wissenswertes und nützliche Dinge der Typus des Auslands-Correspondenten herausbildete. Diese Correspondenten fungierten als „Agenten“ für Wissensbestände, als „scientific and cultural brokers“ außerhalb von Gelehrtenkreisen und beeinflussten, welche Dinge für „wissenswert“ erachtet und in Europa medial verbreitet wurden. Zugleich leisteten sie Übersetzungsarbeit, indem sie die in der Welt beobachteten technischen oder gesellschaftlichen Neuerungen und kulturellen Besonderheiten nicht nur beschrieben und interpretierten, sondern auf den Kontext der Rezipienten zu übertragen versuchten. Sie übersetzten Artikel anderer Correspondenten, was spezifische Kenntnisse über Publikationen, die Vernetzung mit europäischen Wissensnetzwerken und die gezielte Auswahl von Texten voraussetzte und die Vernetzung europäischer Öffentlichkeiten untereinander und mit der Welt verdeutlicht. Nahezu unerforscht sind die Entstehung, der Status und die Vernetzung von Auslands Correspondenten. Wer qualifizierte als Correspondent, wie wurden sie rekrutiert, welche Expertise wurde ihnen zugetraut, welche epistemische Qualität wurde ihrem Wissen beigemessen, in welchen transkulturellen Netzwerken bewegten sie sich und welche Form der Selbstautorisierung und Selbstinszenierung als „Experten“ der Welt lassen sich beobachten? Wie generierten sie Anerkennung als Correspondenten und Experten, wie sahen ihre Beglaubigungsstrategien als Experten aus, und wie war ihr Verhältnis zu den Gelehrten ihrer Zeit?

Das Projekt verbindet die Frage nach grassroot knowledges mit wissenschaftsgeschichtlichen und wissenssoziologischen Untersuchungen zur Selbstinszenierung und Subjektivierung von Auslands-Correspondenten als Experten – "the making of a foreign correspondent" – zur Verfügbarkeit von Wissen und Gebrauchswissen im Zeitalter der Aufklärung und zur Genese und Nutzung transnationaler peripherer Wissenssysteme außerhalb der Gelehrtenzirkel.

 

 

Empfohlene Zitierweise:

 

Freist, Dagmar: Grassroot Kowledges: Netzwerke, Correspondenten und die Popularisierung von Wissen in Korrespondenzen, Journalen und Intelligenzblättern des 18. und 19. Jahrhunderts, in: Projekthomepage Prize Papers, Globale Mikrogeschichte Universität Oldenburg, [02.07.2013], URL: http://www.prizepapers.de/