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Carl von Ossietzky Universität Oldenburg

Fakultät IV - Institut für Geschichte

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Welt ohne Grenzen? Fremdsprachen, Fremdsprachenerwerb und Kulturbewusstsein frühneuzeitlicher Sprachenlerner

 

Die Rolle des Lateinischen im Mittelalter und der Frühen Neuzeit als grenzüberschreitendes Kommunikationsmittel hat lange den Blick auf die kulturelle Bedeutung von Grenzen zwischen den Volkssprachen – und deren Überwindung durch Spracherwerb – verstellt. Bereits für das 16. Jahrhundert lässt sich die zunehmende Bedeutung der Volkssprachen an einer Reihe von Faktoren ablesen: Zu nennen sind die steigenden Auflagenzahlen volkssprachiger Bücher, ihre Stellung in den Schulen, die Publikationen von volkssprachigen Grammatiken und ein steigender Bedarf an Sprachvermittlungsinstitutionen. Mit der Bedeutung der Volkssprache als Kommunikationsmittel innerhalb des frühneuzeitlichen Europas wuchs auch die Herausforderung, sich ‚fremde Volkssprachen’ anzueignen. Für die Niederlande sieht Els Ruijsendaal das Interesse der Bevölkerung an den Fremdsprachen vor allem aus Handelsinteresse gegeben, eine Feststellung, die für die Bedeutung des Französischen und m. E. des Englischen ebenfalls für deutsche und englische Handelsstädte getroffen werden kann.

 

Vor dem Hintergrund der ‚Verflechtung Nordwesteuropas’ seit dem ausgehenden 16. Jahrhundert durch Migration und der Entstehung neuer „transkultureller Netzwerke“ stellt sich die Frage nach der Sprache oder den Sprachen, die zur Kommunikation genutzt wurden. Eng damit verbunden ist zum einen die Bedeutung des Fremdsprachenerwerbs für wirtschaftlichen Erfolg, zum anderen die Rolle des Fremdsprachenerwerbs für die Wahrnehmung kultureller Differenz. Mit Blick auf die Konstruktion der Sites als Orte des sozialen Tuns kommt Sprache und Spracherwerb eine entscheidende Bedeutung zu. Dabei geht es nicht um die Didaktik des Fremdsprachenerwerbs, sondern um die Vermittlung kultureller Differenzen durch Sprache. Denn nicht zuletzt „wird die Interaktion [...] als Handel aufgefasst, bei dem Sprachgeschenke ausgetauscht werden, um befriedete Räume zu schaffen, die die Bereitschaft zu konflikthaftem Handel minimieren." Inwiefern entsprechende Kommunikationsrituale in den Sprachen variieren und von Fremdsprachenlernern und -sprechern beobachtet und berücksichtigt wurden, bleibt zu klären. Schließlich ist in Anlehnung an Bourdieu zu prüfen, inwieweit sprachliche Kompetenz Einfluss auf das soziale Kapital innerhalb eines Feldes hatte. So wurde bspw. in Ostfriesland die niederländische Sprache zur offiziellen Kirchensprache der reformierten Gemeinden, die damit einerseits die Nähe zu den niederländischen Nachbarn und andererseits die bewusste Abgrenzung zum konkurrierenden lutherischen Wesen zum Ausdruck brachten. Die Vermutung, dass sprachliche Kompetenz als soziales Kapital zu verstehen ist, legt die „Metaphorik des Kommerzes“ in der Anstandsliteratur seit dem 17. Jahrhundert nahe: „unter dem Aspekt von Imagepflege und impression management: ‚sich gut Verkaufen’ ist die Devise." Die Bedeutung des Fremdspracherwerbs in Bezug auf das soziale Kapital des Einzelnen ist in diesem Verständnis sogar doppelt relevant: Zum einen mag das Beherrschen einer Fremdsprache im Vergleich zu Konkurrenten, die dieser Sprache nicht mächtig sind, ein wesentlicher Zugewinn oder sogar Zugangsbedingung für manche Gemeinschaften sein, zum anderen könnte das Nicht-Wissen über angemessene Kommunikationsverhalten gleichbedeutend sein mit dem Verlust an sozialem Status.

 

Tatsächlich zeigen zahlreiche bereits edierte Kaufmannsbriefe wie die der Maresco-David-Unternehmung, dass in mehreren Sprachen – zum Teil in einem Brief – kommuniziert wurde. Wovon aber die Verwendung der einen oder anderen Sprache abhing, und ob damit der Zugang zu den Kontakten innerhalb eines Netzwerks erst ermöglicht wurde, ist bislang nicht untersucht. Darüber hinaus fehlen Untersuchungen, die sich mit dem Erwerb von Fremdsprachen und vor allem dem damit verbundenen Wissen über angemessene Kommunikationsroutinen auseinandersetzen. Bekannt ist, dass sich der Fremdsprachenlerner der Frühen Neuzeit neben einschlägigen Lehrwerken an Werken der Anstandsliteratur bediente, um neben der linguistischen Kompetenz auch pragmatische Kompetenz zu erlangen. Ob sich bestimmte Kommunikationsroutinen, die sprach- oder situationsabhängig waren, entwickelten, und inwiefern diese mit den Rollenvorstellungen in Sprachlehrwerken übereinstimmen, soll in einem Vergleich der schriftlichen Alltagssprache der Handelskorrespondenzen, einschlägiger Anstandsliteratur und Fremdsprachenlehrwerken überprüft werden.

 

Empfohlene Zitierweise:

 

Beckers, Christina: Welt ohne Grenzen? Fremdsprachen, Fremdsprachenerwerb und Kulturbewusstsein frühneuzeitlicher Sprachenlerner, in: Projekthomepage Prize Papers, Globale Mikrogeschichte Universität Oldenburg, [18.06.2013], URL: http://www.prizepapers.de/