Mission

Pragmatische Mission oder: Das Problem der irdischen Freiheit

Die Herrnhuter Missionare Surinams als Abolitionisten und Sklavenhalter.

Habilitationsprojekt Dr. Jessica Cronshagen

 

Die Glaubensgemeinschaft der Herrnhuter war eine der einflussreichsten protestantischen Missionsgesellschaften im südamerikanisch-karibischen Raum, dies gilt besonders für die Mission der unfreien Sklaven und ihrer Nachfahren. Die Einstellungen der Herrnhuter zur Frage der Sklaverei blieb dabei ambivalent: Traten sie noch zu Beginn des 18. Jahrhunderts in erster Linie als Gegner der Sklaverei in Erscheinung, verfolgten sie später eine konsequente Politik der Nichteinmischung in politische Fragen, bis sie vereinzelt in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts selbst als Sklavenhalter in Erscheinung traten. Die Kritik an der Brutalität und moralischen Verkommenheit der karibischen Plantagengesellschaft blieb hingegen präsent.

 

Die Frage der Vereinbarkeit verschiedener Ziele, Wertvorstellungen und Wissensbestände bezüglich der Sklaverei führt direkt zu der Frage des Hintergrundes der Akteure selbst. Zumeist in Europa geboren, waren die Missionare durchaus mit verschiedenen Formen persönlicher Abhängigkeiten wie der Leibeigenschaft vertraut. Die Konfrontation mit karibischer Plantagenwirtschaft wirkte nichtsdestotrotz verstörend. Das Projekt versucht daher zu ergründen, wie die Herrnhuter Missionare die neuen Verhältnisse in ihr bisheriges Weltbild zu integrieren versuchten, welche Vorstellung von persönlicher Freiheit und Unfreiheit sie mitbrachten, wie aus der Heimat vertraute Praktiken im Umgang mit den Fremden in der Mission vorherrschten und zugleich irritiert wurden und wo das aus Europa mitgebrachte Rüstzeug versagte und sich zu neuen „cultural tools“ formierte. Die Grundlage des Projekts bildet die schriftliche Überlieferung von etwa dreißig Frauen und Männern, die sich im 18. Jahrhundert an der Mission Surinams beteiligten. Im Fokus stehen bislang nicht veröffentlichte und unbekannte Privatbriefe. Das Besondere dieses Quellenbestands liegt darin, dass die Briefe als Kapergut nie ihre Adressaten erreichten und damit nicht in den offiziellen Diskurs der Herrnhuter Mission eingingen. Sie repräsentieren somit gewissermaßen einen inoffiziellen Diskurs, der in Form der überlieferten Briefe zugleich die materielle Zeugenschaft lokaler Diskurse im Atlantikraum ist.

 

Die Frage nach Freiheit und Unfreiheit war offiziell eine rein religiöse Angelegenheit, irdische Bindungen galten als für das Heilsgeschehen irrelevant. Dennoch wurde die persönliche Unfreiheit der Sklaven in den Briefen aufgegriffen und kritisiert, während andere Akteure sich mit ihr arrangierten und gar auf die Seite der Sklavenhändler wechselten. Wesentliche geistesgeschichtliche Auseinandersetzungen des 18. Jahrhunderts spiegeln sich in den Persönlichkeiten der Surinamschen Mission, die den ansässigen Sklaven und ihren Nachfahren das Heil bringen sollten. Die pragmatisch vor Ort geknüpften Beziehungen sowie die Notwendigkeiten der Ökonomie ließen sie neben der Missionarsrolle als Sklavenhalter, aber auch als um Fairness bemühte Arbeitgeber ihrer Nachfahren, als Unterstützer der Plantagenbesitzer, aber auch als ihre schärfsten Kritiker auftreten.

 

Gemeinsam war allen Herrnhutern, neben ihrem missionarischen Auftrag, eine ausgeprägte Briefkultur. Die lebendigen Schilderungen ihrer Missionsarbeit und ihres Alltags ließ sie zu Medien des Wissens über die karibische Plantagenwirtschaft werden. Die Idee eines Menschenrechtes auf persönliche Freiheit entstand auch in der Konfrontation gesellschaftlicher Systeme im Atlantikraum des 18. Jahrhunderts. Das Projekt möchte daher der Frage nachgehen, wie sich diese Konfrontation in den Praktiken der Herrnhuter Missionare zeigt und in ihren Briefen beobachtbar wird. Besonderes Augenmerk wird dabei aus einer praxeologischen Perspektive auf die Modalitäten der Ausformung von Handlungsbefähigung im Umgang mit Freiheit und Unfreiheit und damit Sklaverei gelegt. Im Schreiben der Briefe wird die Irritation vertrauter Praktiken und die Erfahrung von Kontingenz greifbar und Bewältigungsstrategien im Sinne einer Befähigung, mit neuen Herausforderungen umgehen und sich positionieren zu können sichtbar. Aus dieser praxeologischen Perspektive treten die Herrnhuter Missionare als Akteure des gesellschaftlichen und ideengeschichtlichen Wandels in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in das Blickfeld.

 

Empfohlene Zitierweise:

 

Cronshagen, Jessica: Pragmatische Mission oder: Das Problem der irdischen Freiheit

Die Herrnhuter Missionare Surinams als Abolitionisten und Sklavenhalter, in: Projekthomepage Prize Papers, Globale Mikrogeschichte Universität Oldenburg, [31.04.2014], URL: http://www.prizepapers.de/

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