Kaufleute

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Carl von Ossietzky Universität Oldenburg

Fakultät IV - Institut für Geschichte

Lehrstuhl für die Geschichte der Frühen Neuzeit

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Das Geheimnis des Erfolgs:

Kaufmännische Briefschaften zur Mitte des 18. Jahrhunderts

Promotionsprojekt Lucas Haasis

 

Kontext: Reederei, Kommissionshandel, Kredit- und Versicherungswesen, Compagnie-Geschäft – als Wege und Mittel deutscher Handelsbeteiligung am entstehenden Weltmarkt des 18. Jahrhunderts nehmen diese kaufmännischen Betätigungsfelder eine prominente Rolle ein. Es handelt sich dabei um Mittleraktivitäten und das nicht ohne Grund. Im Unterschied zu den Kaufleuten der Kolonialmächte war der deutschen Kaufmannschaft der Direkthandel mit den Kolonien untersagt. Zudem besaßen sie keinen eigenen Zugriff auf Kolonien. Kolonialpolitisch und merkantilistisch geprägt, rein rechtlich erscheint das deutsche Kaufmannswesen dadurch im Aufgebot der Handelsmächte des 18. Jahrhunderts marginalisiert. Doch weit gefehlt. Tatsächlich mischten die deutschen Handelshäuser gehörig mit auf den Absatzmärkten um Zucker, Tabak oder Indigo und auf den Seewegen manövrierend zwischen den kolonialen Großmächten. Auch im 18. Jahrhundert gelangten insbesondere Hamburger Kaufleute zu Vermögen und Einfluss. Wie war das möglich? Die Antwort lautet: als ihr entscheidender Vorteil im Geschäft fungierte ihre handelspolitische Neutralität, wodurch die deutschen Kaufleute den eingangs benannten Handelssektor so lukrativ und legitim besetzen konnten. Im Geschäft als Zwischenhändler, Gewährsmänner oder in der Bereitstellung von Infrastruktur profitierten sie von ihrer Funktion als Scharnier und Schmiermittel der Kolonialmächte. Ebenso forderte es ihnen diese besondere Stellung jedoch ab, auch mit den zwangsläufig entstehenden Reibungsflächen kompetent zu verfahren, Grauzonen zu nutzen. Die kaufmännische Losung und Kernkompetenz von deutscher Seite lautete daher Verhandlungsgeschick, ein Changieren mit Möglichkeiten. Das Medium, das dieses tragen und begründen sollte, war die Korrespondenz. Insbesondere für den deutschstämmigen Kaufmann avancierte der Brief im 18. Jahrhundert zur Triebfeder des Handels, zum Passierschein in die Welt des Atlantikhandels, zur Verhandlungsgrundlage, die im Stande war, sprachliche, rechtliche und länderspezifische Grenzen zu überwinden oder zu unterlaufen. Feder und Papier, der heimische Schreibtisch und der imaginierte gemeinsame Briefraum wurden zum eigentlichen Ort kaufmännischer Sozialität, das Briefeschreiben zum Gradmesser, zum effizienten Instrument und zur Belastungsprobe. Es fungierte als das sprichwörtliche Zünglein an der Waage von kaufmännischen Unternehmungen, folglich ebenso der erfolgreichen Karriere. Welche Form und welchen Einschlag diese objektivierte Sozialität ‚Briefwechsel’ im 18. Jahrhundert für die deutschen Kaufleute annahm, oder besser, annehmen musste, steht in dieser Dissertation zur Frage.

 

Forschungsgegenstand: Erstmalig umfassend und im Detail dokumentiert das Projekt die soziale Praxis des kaufmännischen Korrespondierens als Standbein, Wiege und Weichensteller deutscher Handelspraxis und des dabei wirksamen Selbstverständnisses der deutschen Kaufmannsgruppe im 18. Jahrhundert. Im Vordergrund stehen Wege der Behauptung und Plausibilisierung der deutschen Kaufleute im unsteten und hart umkämpften Feld des Handels. In diesem Bezug fokussiert das Projekt mit Bedacht auf die Phase im Leben deutscher Kaufleute, in der das Recht und die Befähigung zur Teilnahme auf dem Handelsparkett noch zur Disposition stand: die kaufmännische Etablierungsphase.

Die Analyse von Briefwechseln aus gerade diesem Lebensabschnitt bietet aussagekräftige Einblicke in kaufmännische Such- und Findungsprozesse, Manöver und Winkelzüge und erlaubt es festzumachen, welche Handels- und Verhandlungsvollzüge wie im Kaufmannsgeschäft von Erfolg gekrönt sein konnten. Denn Gegenteiliges führte hier zum Fiasko. Die Briefe zeugen dadurch einschlägig von adäquaten Arten und Weisen kaufmännischer Selbstbildung.

 

Quellengrundlage: Die Quellengrundlage liefert das für die Jahre 1743-1745 nahezu vollständig erhaltene und bisher unerforschte Briefarchiv des Hamburger Kaufmannes Nicolaus Gottlieb Lütkens (1716-1788). Das Archiv befindet sich heute in den National Archives Kew, London, als Teil der dortigen Bestände des britischen High Court of Admiralty. In drei Boxen haben sich dort bis heute sämtliche eingehenden Briefe als auch Lütkens Briefbuch dieser Zeit erhalten, zudem hunderte von Wechseln, seine Kontobücher bis hin zu Zeitungen und Ladelisten. Es ist das gleiche Archiv, das Lütkens 1745 führte. Der Grund für diesen Erhaltungszustand ist gleichermaßen außergewöhnlich wie begreifbar: 1745 fiel das Archiv, als Ladegut des Handelsschiffes „Die Hoffnung“, einem englischen Kaperzug zum Opfer, wurde anschließend von den englischen Behörden einbehalten und als Gerichtsgut eingelagert. Dadurch konnte es für mehrere Jahrhunderte von der Bildfläche verschwinden, bis ich es Ende 2012 durch Zufall wiederentdecken konnte. Eine weitere Besonderheit des Briefarchives besteht dabei darin, dass die Überlieferung außerdem exakt an dem Moment abbricht, der auch für Lütkens einen einschneidenden Wendepunkt in seinem Leben markierte. Das Archiv schließt im Herbst 1745, kurz bevor der Kaufmann in Hamburg in den Stand der Ehe eintreten sollte – aus diesem Grund befanden sich die Briefe auf dem Schiff „Die Hoffnung“. Die erhaltenen Korrespondenzen decken damit die zwei entscheidenden vorangehenden Jahre seiner Etablierungsphase ab. Der Hamburger Kaufmann wird in der Arbeit jedoch nicht alleinig zum Gegenstand der Betrachtung gemacht. Vielmehr erlaubt es der Quellenbestand – mit Zugriff auf sowohl abgehende als auch eingehende Briefe – ihn und seine Aktivität von Beginn an als einen Teil eines weitverstrickten und insgesamt auf die Rechtmäßigkeit deutscher Ansprüche am Atlantikgeschäft insistierendes Netzwerkes deutschstämmiger Kaufleute im Nordeuropa der 1740er Jahre zu verorten. In dieses Netzwerk wächst Lütkens über die 1743 bis 1745 hinweg hinein. Im Mittelpunkt der Arbeit steht damit die Briefkorrespondenz und die Rekonstruktion der Handelsaktivität einer ‚Community of Practice’ von insgesamt 30 deutschstämmigen Handeltreibenden, sesshaft und miteinander verbunden in Hamburg, London, Bilbao, Amsterdam, Danzig, Bordeaux und Nantes – und dieses auf Grundlage des Lütkens-Bestandes.

 

Theorie: Die theoretisch-methodische Anlage der Arbeit trägt dieser Herangehensweise Rechnung. Das Projekt folgt einer praxeologisch-konversationsanalytischen Grundannahme. Die Prozesshaftigkeit von Briefwechseln - im Zeitraffer und vor der Bedingung der Beteiligung gleich mehrerer Partizipanden an spezifischen brieflichen Konversationen – erhält für die Rekonstruktion kaufmännischer Briefschaften den Vorzug vor einer Fokussierung auf den Einzelakt des Briefe-Schreibens. Die These ist, dass sich Form, Gehalt und Machart kaufmännischer Sozialität, Aktivität und Selbst-Bildung letztlich erst aussagekräftig im Verlauf und in gegenseitigen Aushandlungsmomenten – den Effekten von Briefwechseln – erschließen lassen.

Das „schriftliche Gespräch“, die Praxis, erklärt sich aus sich selbst heraus ihrer spezifischen Grundelemente und der wirksamen kaufmännischen Qualitäten.

 

Anspruch: In acht Episoden zu charakteristischen kaufmännischen Tätigkeitsbereichen, die zu Anfang erwähnten eingeschlossen, als Briefgeschehen dicht, mehrstimmig und im Zeitverlauf rekonstruiert, bietet diese Dissertation Erkenntnisse zu verschiedensten und dabei zur Etablierung entscheidenden kaufmännischen Vorgehensweisen, Taktiken, Lösungswegen, Handhabungen und Selbstbestimmungen. Dass dabei geläufige Forschungsmeinungen zu vermeintlichen Erfolgsgaranten kaufmännischer Aktivitäten zu überdenken, zumindest jedoch zu nuancieren sind, versteht sich als Postulat der Arbeit. Im Blick auf Briefwechsel vor praxeologischer Grundannahme gilt: sämtlich erklärt sich die kaufmännische Sozialität und die jeweils als adäquat verhandelten Umgangsweisen mit verortetem Selbst und verübter Handelspraxis der kaufmännischen Akteure zur Verhandlungssache. Was Tugend und Tüchtigkeit, legitim oder Grauzone, ehrbar oder verschlagen, ‚recht woll’ oder ‚thöricht’ war, lag im Auge der Betrachter. Rückschlüsse ergeben sich in den Episoden daraus, was letztlich funktionierte. Diese Dissertation tritt an, den Blick vom Kaufmann mit der weißen Weste zum Kaufmann mit Raffinesse zu wenden. Das jedoch positiv konnotiert. Im dreifachen Wortsinn versteht sie sich als damit als eine Geschichte ‚geschickter’ Handelsmänner am Siedepunkt der Frühen Neuzeit.

 

 

 

Empfohlene Zitierweise:

 

Haasis, Lucas: Das Geheimnis des Erfolgs: Kaufmännische Briefschäften zur Mitte des 18. Jahrhunderts, in: Projekthomepage Prize Papers, Globale Mikrogeschichte Universität Oldenburg, [17.02.2016], URL: http://www.prizepapers.de/