Körperwelten

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Carl von Ossietzky Universität Oldenburg

Fakultät IV - Institut für Geschichte

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Karibische Körperwelten

Promotionsprojekt Annika Raapke

 

Das karibische Kolonialgefüge des 18. Jahrhunderts lebt im wahrsten Sinne des Wortes und in zuvor ungekanntem Ausmaß von menschlichen Körpern und deren Ausbeutung. Körper sind der Rohstoff, auf dessen Basis es seinen Reichtum erwirtschaftet. Hunderttausende Sklaven, die in der Karibik „angeliefert“ und dann von Aufsehern, Verwaltern und Plantagenherren unter massivem körperlichem Zwang „genutzt“ werden, produzieren diesen Reichtum. Er wird verteidigt durch Heere von Soldaten, die, ebenso wie die Seeleute, Handelsmannschaften und Dienstboten, schon unter der Maßgabe ihres möglichen oder sogar wahrscheinlichen Todes für den Karibikdienst ausgewählt werden. So legt etwa die französische Armee für die karibischen Rekruten mit Blick auf Größe und Körperbau wesentlich geringere Standards an, als sie für den Dienst im Mutterland gelten – die „guten“ Soldaten sollen nicht in der Karibik „verschwendet“ werden. Die freiwillig Anwesenden schreiben in ihren Briefen regelmäßig vom „Tribut an die Karibik“, nämlich den Schaden am Körper, der für die Aussicht auf Gewinne zu entrichten ist. Die Karibik wird von Zeitgenossen als „körperfressendes“ Konzept verstanden, die Kombination Körper-Karibik fasziniert und erschreckt sie gleichermaßen. Denn gleichzeitig gilt die Karibik vom Beginn der europäischen Kolonialisierungsbemühungen an als ein Raum der körperlichen Entgrenzung und Neuerfindung, insbesondere für Männer. Legenden von Europäern, die in die Karibik kommen um dort als Abenteurer oder Piraten ohne jede Restriktion alle vorstellbaren körperlichen Exzesse auszuleben um schließlich entweder reich und mächtig oder eines heroischen Todes gestorben zu sein, gehören für die Zeitgenossen ebenso zur Karibik wie die Angst vor Gelbfieber und tödlicher Luft. Elemente dieser Legenden dominieren auch im 18. Jahrhundert Reiseberichte und Briefe, welche die Karibikgesellschaften als luxusverliebt, extravagant, tollkühn, gewalttätig und promiskuitiv schildern. Das Verhältnis von drohender Gefahr und lockender „Freiheit“ wird von den Zeitgenossen in verwickelten Zusammenhängen gesehen: Einerseits sorgt die ständige Bedrohung des Körpers durch Krankheit, Klima und Krieg für eine schnelllebige, hedonistische, todesverachtende Kultur, in der der allgegenwärtige frühneuzeitliche Leitsatz des maßvollen Lebens an Relevanz verloren hat. Andererseits ist es die Verlockung, eben dieser Dekadenz anheim zu fallen, die den Körper besonders bedroht, denn das maßvolle Leben wird in der gefährlichen Umgebung umso wichtiger. Aber was in der Karibik als maßvoll gilt, kann und muss im Interesse der Erhaltung des Körpers bisweilen neu ausgehandelt werden, was in Europa gesund ist, kann in der Karibik fatal sein. Zwischen Disziplin und Ausschweifung, Angst und Risikobereitschaft werden in der Praxis Grauzonen eröffnet und abgesteckt, was auch die Entwicklung flexibler und intelligibler Rechtfertigungsstrategien für die Bezugspersonen in der Heimat beinhaltet: 1778 schreibt der Chirurg Roland seiner Mutter von dem offenen sexuellen Arrangement, welches er mit einer Französin vor Ort (Martinique) pflegt. Er beruft sich auf das Klima, in dem „man es sich nicht versagen kann“ und berichtet, dass der örtliche Priester die Affären gestattet habe, „solange man nicht mehr als eine hat“. Er bittet dennoch um die Verzeihung der Mutter und macht so deutlich, dass in der Karibik tatsächlich andere körperliche „Spielregeln“ gelten als im heimischen Frankreich.

 

In meiner Arbeit möchte ich untersuchen, wie Europäerinnen und Europäer im 18. Jahrhundert (Neuankömmlinge ebenso wie Siedler über Zeit) die sozialen und naturräumlichen Gegebenheiten des karibischen Kolonialgefüges über ihre Körper als Bedrohung an Leib und Leben, als Chance zur Veränderung und Neuerfindung oder als beides zugleich wahrnehmen. Ich möchte erarbeiten, wie die Betroffenen spezifische Praktiken zum Umgang sowohl mit der Bedrohung, als auch zur Ausschöpfung neuer Handlungsspielräume entwickeln; wie sie Grauzonen zwischen Vorsicht und ‚Débauche‘ für sich navigieren und wie sie all dies in Antizipation ihrer europäischen Adressaten narrativ so verarbeiten, dass Intelligibilität gewährleistet bleibt. Das zentrale Untersuchungsmaterial hierfür stellen die in den Prize Papers überlieferten Briefe aus dem französischen Karibikraum des 18. Jahrhunderts dar, die bei Bedarf durch medizinische Ratgeber, Reiseberichte, Medizininventare, Verwaltungs- und Gerichtsdokumente etc. ergänzt werden.

 

Empfohlene Zitierweise:

 

Raapke, Annika: Karibische Körperwelten, in: Projekthomepage Prize Papers, Globale Mikrogeschichte Universität Oldenburg, [10.02.2016], URL: http://www.prizepapers.de/