Jüdische Kultur

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Carl von Ossietzky Universität Oldenburg

Fakultät IV - Institut für Geschichte

Lehrstuhl für die Geschichte der Frühen Neuzeit

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Kultur und Religion auf dem Mikrokosmos Schiff. Eine praxeologische Lektüre von Schiffsbriefen im 18. Jahrhundert

Promotionsprojekt Annett Meiners

 

Die frühneuzeitliche atlantische Welt war eine Welt in Bewegung. Aus unterschiedlichsten Beweggründen – seien es Vertreibung, kaufmännische Überlegungen oder der Wunsch der freieren Religionsausübung – zog es auch viele Juden hinaus auf das Meer. In diesem Projekt soll erstmalig die praktische Lebenswelt jüdischer Reisender auf dem Mikrokosmos Schiff untersucht und so ein tiefgehender Einblick in die Verbindung von jüdischer Kultur und Religion und der Seefahrt erlaubt werden. Beispielsweise war eine der größten Herausforderungen für den jüdischen Ritus auf diesen Schiffsreisen die Einhaltung des Schabbat und anderer jüdischer Feiertage. Die Einhaltung der Schabbat-Ruhe konnte sich nicht nur bei einlaufenden Schiffen und Geschäftsabwicklungen als schwierig erweisen, sondern auch, wenn eine jüdische Besatzung sich weigerte, ein Schiff selbst zu führen. Ein weiteres Problem konnten die Vorschriften bezüglich des koscheren Essens darstellen. Einige jüdische Reisende brachten ihren koscheren Proviant selbst an Bord, andere nahmen aber auch eine strenge Diät in Form von Wasser und Fisch für die Überfahrt in Kauf.

 

Fassbar wird dieses Moment jüdischer Kultur in den auf den Schiffen mitgeführten Dokumenten, Briefen und Korrespondenzen. Briefbestände dieser Art bezeugen ihre Mobilität und machen Juden als maritime Nation erfahrbar. Als Untersuchungsmaterial dient eine umfangreiche Überlieferung jüdischer Selbstzeugnisse des 18. Jahrhunderts in den National Archives London sowie in verschiedenen lokalen Archiven, die es erstmalig ermöglichen, jüdisches Leben auf See sichtbar werden lassen.

 

Das Projekt folgt der Fragestellung, wie aus unterschiedlichen Gruppen von Reisenden oder Einzelpersonen und den nicht vertrauten Gegebenheiten des Mikrokosmos Schiff einschneidende Erfahrungen für die historischen Akteure entstehen können sowie nach der daraus resultierenden möglichen Veränderung religiöser Praktiken von Juden. Die praxeologisch angelegte Analyse jüdischen Lebens auf dem Mikrokosmos Schiff wirft zugleich Fragen danach auf, inwieweit räumliche Anordnungen und die performative Herstellung von Räumen spezifische Subjektivierungsweisen bedingen oder zumindest nahe legen. Es ist ein Ziel des Projekts, zum einen die Momente der Unsicherheit und Irritation zu greifen, zum anderen die Anpassungsleistungen sichtbar zu machen. Am Ende steht die Frage, was die Akteure befähigt, mit der Situation der Schiffsreise umzugehen und die Herausforderungen der räumlichen Gegebenheiten des Schiffes durch adäquate Praktiken der Selbstorganisation und Intervention zu bewältigen.

 

Empfohlene Zitierweise:

 

Meiners, Annett: Kultur und Religion auf dem Mikrokosmos Schiff. Eine phraseologische Lektüre von Schiffsbriefen im 18. Jahrhundert, in: Projekthomepage Prize Papers, Globale Mikrogeschichte Universität Oldenburg, [14.01.2016], URL: http://www.prizepapers.de/