Über den Bestand

Ein "Jahrhundertfund" - Die Prize Papers

 

Der Bestand: ‚Sailing Letters’ (über 70.000 Briefe, Tagebücher, Notizen von Frauen, Männern und Kindern - zwischen Weltreisenden und Daheimgebliebenden – vom 17.-19. Jahrhundert sowie Dinge unterschiedlichster Materialität und Art, darunter Schuhsohlen, Schlüssel, Kompositionen, Botanik, Stoffe, Tapetenmuster, Spielkarten, Notizhefte und Stifte, Bilder, Scherenschnitte von Kindern, Bestellungen, Kuriositäten uvm.)

 

 

Wo: National Archives, London, High Court of Admiralty (HCA)

 

 

Über den Bestand:

 

Die gezielte Kaperung gegnerischer und fremdländischer Schiffe, sowohl zum Zwecke taktischer Kriegsführung als auch zur Aufbesserung der Kriegskasse, gehörte während der vielen Seekriege des 17. und 18. Jahrhunderts international zur Regel. Im Unterschied zur Piraterie waren diese ‚Kaperfahrten’ gesetzlich legalisiert, d. h. von der Regierung befürwortet, bei gleichzeitig deutlicher Kontrolle und Sanktionierung.

 

 

Mit der Intention, Versorgungslinien und die Wirtschaft der gegnerischen Mächte zu stören, wurden Kriegsschiffe und private Unternehmer mit Kaperbriefen ausgestattet, die ihnen die Übernahme feindlicher Kriegs-, Handels- und Fischereischiffe gestatteten und als Beute zu veräußern erlaubten. Doch die Feststellung, ob es sich um feindliche Schiffe handelte, war keineswegs eine Frage des "Ja" oder "Nein" oder durch einen Blick auf die Schiffsflagge zu klären. Zwar verliefen die Linien der kriegführenden Mächte deutlich, doch suchten Schiffseigner und Kaufleute bei der Ausstattung ihrer Schiffe und der Wahl ihrer Heimathäfen den Schutz der Neutralität am Krieg unbeteiligter Provinzen und Städte für sich zu nutzen. So liefen über Winkelverträge und über Strohmänner Schiffe beispielsweise mit der Flagge neutraler Territorien und

(Hanse-)Städte aus, viele darunter aus dem deutschen Nordwesten, obwohl sie im Besitz von Reedern aus Nationen waren, die eindeutig an kriegerischen Auseinandersetzungen beteiligt waren. Über die Problematik der Zugehörigkeit des Schiffes hinaus, stellte auch die Ladung eine rechtliche Herausforderung dar. Ein unter neutraler Flagge laufendes Schiff, das als feindlich enttarnt wurde, konnte dennoch Waren von Kaufleuten enthalten, die als Bürger neutraler Staaten und Städte ihr Eigentum vor Zugriff geschützt sahen.

 

 

Die Feststellung der Rechtmäßigkeit einer Kaperung erfolgte in eigens dafür eingerichteten Appellationsinstanzen; in den britischen Kolonien vor den Vice Courts of Admiralty, im Mutterland selbst vor dem High Court of Admiralty in London. Hier wurde bereits in den Voruntersuchungen die Mannschaft mit Fragen konfrontiert, die über die Gerichtshöfe hinaus bekannt waren. So wurde beispielsweise in Bremen 1804 ein solcher Fragebogen in einer Broschüre unter dem Titel "Bestimmte Fragen, welche allen Schiffern oder sonstigen Personen, die an Bord solcher Schiffe, welche v. Großbritannischen Kriegsschiffen oder Kapern genommen, gefunden worden, vorgelegt werden sollen. Aus dem Englischen übersetzt und mit Anmerkungen begleitet durch D[aniel] Braubach". Mithilfe eines solchen Katalogs von 32 Fragen, die bereits im frühen 17. Jahrhundert standardisiert waren, versuchte man, die Herkunft von Schiff, Kapitän, Mannschaft und Ladung sowie die Eignerschaft festzustellen. Für die Eigner bestand innerhalb einer gegebenen Appellationsfrist die Möglichkeit der Reklamation, also des Nachweises ihrer Eignerschaft und Neutralität. Zu beweisen war der regelkonforme Ablauf sowie die tatsächliche Zugehörigkeit der Schiffe zu verfeindeten Kriegsparteien. Zur Beweisführung wurden die schriftlich festgehaltenen Aussagen der Besatzungen herangezogen und sämtliches Schriftgut sowie der an Bord befindlichen Gegenstände beschlagnahmt und überprüft.

 

 

Es ist leicht nachvollziehbar, dass die hieraus resultierenden Prozesse in der Produktion von immensem Schriftgut mündeten. Der Schriftwechsel zwischen Eignern, gefangenen Mannschaftsmitgliedern, Anwälten und Gericht allein ist umfangreich. Übersetzungen von Anklageschriften, Nachweise über Angehörigkeit zu neutralen Bürgerschaften, Ladungslisten, die den Besitz nachweisen sollten, wurden den Eignern vom Gericht überstellt oder von ihnen aus ihren Heimatstädten eingereicht. Neben diesen beigebrachten Papieren wurden auch die bei der Kaperung an Bord gefundenen Dokumente für die Prozesse aufbewahrt und herangezogen: Schiffspapiere, die Auskunft gaben über Wechsel des Namens eines Schiffes und seines Eigners, Korrespondenz zwischen Kapitän und Auftraggeber, der einfachen Seeleute und ihren Familien, aber auch die Post, die jedes Schiff über die Meere transportierte, konnten Rückschlüsse über Herkunft und Bestimmung eines Schiffes zulassen.

 

 

In vielen Archiven hat dieses ‚Beweismaterial’ nun die Zeit bis heute nicht überdauert. Anders verhält es sich mit den National Archives, Kew, London. Die englische Seite hat dort die Bestände ihres sogenannten ‚Price Courts’ verwahrt. So liegt in den National Archives ein Quellenschatz, der in Umfang und Gehalt wohl mit Fug und Recht als ‚Jahrhundertfund’ bezeichnet werden kann: Nach aktuellen Schätzungen beinhalten die etwa

4 000 Kisten über 70 000 Privat- sowie Geschäftsbriefe von Seeleuten und -reisenden, Kauf- und Handelsleuten sowie Migranten, tausende unterschiedlichste Schiffspapiere, Manuskripte, Urkunden, Geldnoten, Zeichnungen, Kompositionen, Gedichte, Zeitungen und nicht zuletzt eine große Anzahl noch erhaltener Gegenstände, die auf dem Seeweg verschickt wurden, darunter Kleidungs- und Stoffmuster, Münzen, (Blumen)Samen, getrocknete Pflanzen, Pulver und Stoffe, denen heilende Wirkungen zugeschrieben wurden.

 

Das Besondere der Prize Papers: Es handelt sich um Schiffsgut unterschiedlichster Nationen und Regionen, von niederländischen, portugiesischen, italienischen, französischen und nicht zuletzt deutschen Schiffen. Dass auch die Oldenburger Region und der Nordwesten Deutschlands mit diesem globalen Netz verknüpft und in das Kapergeschehen involviert waren, belegen nicht nur Funde in den Prize Papers selbst, sondern auch Belege in den niedersächsischen Landesarchiven, den Staatsarchiven in Aurich und Oldenburg, dem Stadtarchiv Emden sowie dem Geheimen Staatsarchiv Berlin-Dahlem der Generaldirektion Ostfriesland.

 

 

Bislang waren der Forschung die Akten nur allgemein bekannt durch die erwähnten Veröffentlichungen der Prisenprozesse. Alles weitere 'Beweismaterial' schien die Zeit nicht überdauert zu haben. 1980 jedoch entdeckte der Niederländer S.W.P.C. Braunius durch einen Zufall niederländische Briefe, die nur über die Überlieferung als erbeutete Post in Zusammenhang mit den Prisenprozessen standen. Trotz des Interesses, das der von Braunius publizierte Aufsatz in den Niederlanden für das Material erweckte und die Bemühungen, die vor allem die Maritimhistoriker Els van Eijck van Heslinge und Perry Moree in die Bekanntmachung der Quellen investierten, ist die Existenz der Bestände über die Grenzen der Niederlande hinaus nahezu unbekannt und auch von der deutschen Forschung faktisch nicht zur Kenntnis genommen worden.

 

 

In einem europäisch vernetzten Projekt arbeitet eine Forschergruppe in Oldenburg unter Leitung von Prof. Dr. Dagmar Freist seit Mai 2012 mit den Beständen der Prize Papers. Die laufenden und im Antrag befindlichen Dissertationsprojekte verstehen sich als ein Beitrag zu einer globalen Mikrohistorie. Neben der wissenschaftlichen Forschung wird die Digitalisierung und Transkription der Bestände in Zusammenarbeit mit den National Archives angestrebt.

 

 

Empfohlene Zitierweise:

 

 

Beckers, Christina/Freist, Dagmar/Haasis, Lucas: Die Prizepapers - Ein Jahrhundertfund, in: Projekthomepage Prize Papers, Globale Mikrogeschichte Universität Oldenburg, [18.06.2013], URL: http://www.prizepapers.de/

Proceedings of the Court of Admiralty, October 1700

Wenzel Hollar, Holländische Schiffe, 1647.

Wenzel Hollar, Londoner Tower, 1627-77.

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Carl von Ossietzky Universität Oldenburg

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